Digitalisierung des Schallarchivs des Instituts für Kulturanthropologie des Zentrums für Albanologische Studien, Tirana

Ein Pilotprojekt zur langfristigen digitalen Sicherung des Wissens- und Kulturerbes in der Region Albanien, Kosovo und Mazedonien, gefördert von der Austrian Development Agency

Vorgeschichte:

Seit den 1950er Jahren hat die das damalige Institut für Volkskultur der Albanischen Akademie der Wissenschaften eine einzigartige Sammlung von Tonaufnahmen aus dem ethnographischen Bereich im weitesten Sinne aufgezeichnet, erschlossen und bewahrt. Das Institut war mit dem Phonogrammarchiv seit 1963 in Kontakt. Die Sammlung war aus persönlichen Besuchen in den Jahren 1973, 1978 und 1995 dem Projektleiter gut bekannt und gehörte zu den bestorganisierten in Ost- und Südosteuropa.

Bedeutung der Sammlung in kultureller und wissenschaftlicher Hinsicht:

Die Sammlung spiegelt den vornehmlich oral tradierten Kulturbestand der Nation der letzten 50 Jahre wider. Diese in der Zeit vor dem Globalisierungsschub seit der Wende entstandenen Dokumente geben ein Bild der kulturellen und sprachlichen Vielfalt der Nation wieder, das unter der weiteren rezenten und zukünftigen Entwicklung einer radikalen Veränderung unterworfen ist. Die Sammlung ist ein bedeutender Teil der Quellen zur albanischen Kulturgeschichte und ein unersetzliches wissenschaftliches Korpus für musikologische, anthropologische (ethnographische) und linguistische Studien.

Dringlichkeit des Projekts in konservatorischer Hinsicht:

Wie alle Sammlungen dieser Art in Ost- und Südosteuropa litt jedoch auch die albanische nach der politischen Wende unter finanziell knappen Bedingungen. Zusätzlich waren insbesondere die alten Tonbänder durch chemische Instabilität in ihrer weiteren Existenz bedroht. Eine langfristige Sicherung audiovisueller Bestände kann nur durch Digitalisierung erreicht werden.

Projektförderung durch die Austrian Development Agency:

Nach längeren Bemühungen, in die auch Prof. Tilmann Seebass von der Universität Innsbruck eingebunden war, hat aufgrund von Initiativen der Österreichischen Botschaft in Tirana Ende 2005 die Austrian Development Agency die Förderung des Projekts mit Gesamtkosten von 180.000,- Euro übernommen.

Durchführung des Projekts:

Es wurden moderne Geräte zur Einspielung der analogen Tonbänder, Audio Workstations zur Digitalisierung dieser Bänder, ein Server zur Sicherung der digitalen Archivfiles, sowie digitale Abhörstationen angeschafft und in Zusammenarbeit von Spezialisten aus Wien und Tirana installiert.

Parallel hierzu wurden zwei Mitarbeiter des Projektteams Tirana in einem zweiwöchigen Tutorial im Phonogrammarchiv ausgebildet. Die Arbeit des digitalen Transfers wurde durch das Team in Tirana selbständig vorangetrieben, unterstützt durch regelmäßigen Kontakt mit dem Phonogrammarchiv sowie durch mehrere Besuche von Mitarbeitern des Phonogrammarchivs.

Parallel zur Digitalisierung der Schallaufzeichnungen wurden auch die Metadaten, die inhaltliche Beschreibung der Schallaufzeichnungen, in zeitgemäß digitaler Form durch die Installation einer Datenbank durch den Berliner Spezialisten Dr. Andreas Matzke organisiert.

Einbeziehung audiovisueller Archive in Kosovo und Mazedonien:

In einer Fact-finding Mission wurden audiovisuelle Archive im Kosovo und in Mazedonien besucht und Möglichkeiten einer zukünftigen Zusammenarbeit besprochen. Die Mitarbeiter dieser Archive wurden zu Workshops nach Tirana eingeladen.

Workshops für audiovisuelle Archivare der Region:

Ein erster technisch-konservatorischer Workshop fand im Dezember 2007, ein zweiter findet im Dezember 2009 statt. Daran schließt sich ein Workshop zur Methodik und Technik der audiovisuellen Feldforschung. Die Workshops waren von 5 Archivaren aus dem Kosovo und Mazedonien, sowie von rund 15 Archivaren aus Albanien besucht.

Umstrukturierung der Organisation der albanischen Wissenschaft während der Projektdauer und neuer Standort:

2007/2008 kam es einer Umstrukturierung der Organisation der albanischen Wissenschaft. Das ursprünglich der Albanischen Akademie der Wissenschaften zugeordnete Institut für Volkskultur wurde als Institut für Kulturanthropologie dem Zentrum für Albanologische Studien unter der Leitung von Prof. Dr. Ardian Marashi zugeteilt. Im Verband dieses Zentrums befindet sich auch das Institut für Linguistik, das ebenfalls über bedeutende audiovisuelle Bestände verfügt. Mit dieser Neuorganisation ist auch eine Unterbringung der Sammlungen mit eigens adaptierten Archivräumen und Laboratorien am neuen Standort verbunden. Die Fertigstellung des neuen Standorts wird für Herbst 2010 erwartet. Die Geräte aus Projektmitteln wurden so angeschafft, dass alle, insbesondere der neue Server mit einer netto-Kapazität von 10 TeraByte, an den neuen Standort übersiedelt werden können und dort für mehrere Jahre eine sichere Basis zur kontinuierlichen Weiterarbeit darstellen.

Ergebnis /Volumen der digitalen Sicherung der Bestände und Parallelsicherung in Wien:

Bis auf wenige problematische Tonbänder wurden die alten Bestände des Instituts für Volkskultur im Ausmaß von 1700 Stunden digitalisiert und gesichert. Gleichzeitig konnte mit der Sicherung der Sammlung des Instituts für Linguistik begonnen werden, die ursprünglich nicht Teil des Projekts war.

Ein Satz digitaler Kopien wird zur zusätzlichen Sicherheit mit eingeschränkten Verfügungsrechten im Phonogrammarchiv in Wien aufbewahrt.

Zusammenfassung und Ausblick:

Mit dem Projekt wurde in Albanien nicht nur ein wesentlichen Teil der audiovisuellen wissenschaftlichen Bestände gesichert, es wurde überdies ein erstes Audio-Digitalarchiv nach internationalen Standards in der Region geschaffen, das als Demonstrator-Installation für ähnliche Vorhaben im Westbalkan dient. Es ist zu erwarten, dass von dieser Vorbildwirkung ein Schub zu ähnlichen Projekten ausgeht.


Projektträger und -teams:

Wien

Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Dr. Dietrich Schüller, Projektleiter und Direktor des Archivs bis Sept. 2008
Prof. Dr. Dr.h.c. Rudolf M. Brandl, Direktor des Archivs und Leiter des Feldforschungsworkshops 2009
Mag. Nadja Wallaszkovits, Audio Cheftechnikerin
Dipl.-Ing.(FH) Michael Risnyovszky, IT-Technik und Digitalarchiv
Mag. Li Huang, Administration
Externer Experte: Dr. Andreas Matzke, Berlin, Datenbank und Intranet

Tirana

Austrian Development Agency, Koordinationsbüro Tirana

Mag. Christopher Opancar, Leiter bis 2008
Mag. Astrid Wein, Leiter ab 2009
Mag. Florenc Qosja, Projektbetreuer

Albanische Akademie der Wissenschaften (bis 2007)

Prof.Dr. Eduard Sulstarova, Generalsekretär der Akademie
Prof. Dr. Afërdita Onuzi, Direktorin des Instituts für Volkskultur

Zentrum für Albanologische Studien (ab 2008)

Prof. Dr. Ardian Marashi, Direktor des Zentrums
Prof. Dr. Miaser Dibra, Direktorin des Instituts für Kulturanthropologie

Digitalisierungsteam

Bledar Kondi, Koordinator
Klodian Qafoku, Archivar
Armand Zaçeliçi, Archivar
Robert Çollaku, Konsulent
Prof. Marenglen Bukli, IT (bis 2008)
Mag. Hydai Myftiu, IT (ab 2009)


 

Bilder vom Workshop:

Robert Çollaku und das Team aus Wien vor dem alten Institutsgebäude

Dietrich, Agron Xhagolli und Ardian Marashi eröffnen den Workshop

Alterungserscheinungen von audiovisuellen Trägern

Workshopteilnehmer
 

Klodian Qafoku erklärt den Bandmaschinenabgleich mittels Testband

Einstellung des Bandzuges der Studer A 807
 

Extra langsames Spulen von gefährdeten Bändern

Bone Velickovsky justiert die Studer Bandmaschine

Transfer von Feldaufnahmen
 

Rudolf Brandl erklärt Taktiken der Feldforschung
 

Ab Herbst 2010 der neue Standort des Archivs im Zentrum für Albanologische Studien

 

Bilder der Pressekonferenz:

V.l.n.r.: Rudolf Brandl, Florenc Qosja, Dietrich Schüller, Minister Myqerem Tafaj, Botschafter Florian Raunig, Ardian Marashi und Miaser Dibra

 
 
 

 
 
 

 

"Gëzuar!"

 

Bilder vom Abschlussabend:

Nadja, Miaser Dibra und Afërdita Onuzi
 
 

Die mazedonische Delegation: Zarko Stokovski, Atanas Babalevski, Aleksandar Dimitrijevski, Bone Velickovski

Choreographische Versuche
 
 

Arjana Seiti und Bledar Kondi
 

Miranda Bakiasi und Gencjana Myzeqari von der Akademie der schönen Künste