Das älteste audiovisuelle Archiv der Welt

Archiv-Phonograph Type V

Das Phonogrammarchiv wurde 1899 als wissenschaftliches Schallarchiv gegründet und ist das älteste audiovisuelle Archiv der Welt.

Im Phonogrammarchiv wurde der Wiener Archiv-Phonograph entwickelt und 1901 erstmals bei Feldforschungen in Kroatien, Brasilien und auf der Insel Lesbos eingesetzt und getestet.

Das Aufnahmeverfahren des Edison-Walzenphonographen (Tiefenschrift) wurde dabei mit dem Plattenformat des Grammophons kombiniert. Die typische Aufnahmedauer betrug ein bis zwei Minuten pro Phonogramm.

Phonogrammplatten und Matritze

Das solcherart entstandene Phonogramm ermöglichte eine leichte Matrizierung - ein wesentlicher Faktor für die Erhaltung der Originalqualität der Aufnahmen.

Wegen des hohen Gewichts des ersten Phonographen (ca. 45kg!) wurden für den Einsatz bei Expeditionen leichtere Reisephonographen konstruiert. Der 1927 entwickelte Archiv-Phonograph Type V, nur noch 9,5 kg schwer, blieb bis 1931 in Verwendung.

Berühmte Sammlungen - Memory of the World

Zahlreiche frühe und mittlerweile berühmte Sammlungen wurden mit dem Archivphonographen hergestellt, z.B.:

Rudolf Pöch: Neuguinea (1904-06), Kalahari (1908)

Adolf Dirr: Kaukasische Sprachen (1909)

Rudolf Trebitsch: Grönland (1906), keltische Minoritäten Europas (1907-1909), Basken (1913)

Abraham Z. Idelsohn: verschiedene Bibel-Rezitationsstile der jüdischen Diaspora (Jerusalem, 1911-1913)

"Gesänge russischer Kriegsgefangener" zur Zeit des 1. Weltkrieges:
Lieder der verschiedenen Völker des damaligen Russischen Reiches

Deutsche Dialekte Österreichs

Stimmporträts:
Aufnahmen berühmter Persönlichkeiten von Kaiser Franz Joseph über Arthur Schnitzler bis Josef Weinheber, ein früher Schwerpunkt, der von der Österreichischen Mediathek seit ihrer Gründung 1960 fortgeführt wird.

1999 wurden die Historischen Bestände (1899-1950) des Phonogrammarchivs in das Weltregister von "Memory of the World" aufgenommen und damit als Dokumente von Weltrang ausgezeichnet. Die UNESCO unterstreicht mit dieser Auszeichnung die Bedeutung oral tradierter Kulturen und ihrer Dokumente für das kulturelle Erbe der Menschheit.

Feldforschungs-Equipment im Wandel der Zeit

1926 stellte das Archiv bei Studioaufnahmen auf die - zunächst noch akustisch-mechanische - Grammophontechnik um.

1931 begann mit Stimmporträts von Anton Wildgans die Ära der elektrischen Aufnahme. Solche Aufnahmen mußten durch einen geschulten Techniker hergestellt werden, die Geräte waren schwerer als die jüngste Type des Archivphonographen und außerdem auf Stromversorgung angewiesen. Außenaufnahmen wurden daher in dieser Zeit - weil umständlich und kostspielig - kaum durchgeführt.

1951 wurde die Magnetband-Aufnahme im Phonogrammarchiv eingeführt.

1958 kamen tragbare Tonbandgeräte erstmals in der Feldforschung zum Einsatz. Die Verfügbarkeit praktischer batteriebetriebener Geräte führte zu einem bedeutenden Zuwachs der Sammlungsbestände, in denen sich die Forschungspräferenzen der österreichischen Wissenschaft widerspiegeln.

Österreichische Institutionen und ForscherInnen nehmen seither die Unterstützung des Archivs in Form von Leihgeräten und methodischer Beratung rege in Anspruch, um wissenschaftliche Schallaufnahmen herzustellen. Im Gegenzug werden diese Feldergebnisse im Phonogrammarchiv archiviert.

1985 wurden die ersten Aufnahmen in Digitaltechnik erstellt. Seit 1990 wird R-DAT im Studio und im Feld verwendet.
Seit 1991 werden zur Ergänzung der Dokumentation einiger Tonaufnahmeprojekte des Phonogrammarchives Videoaufnahmen eingesetzt. In den letzten Jahren etablierten sich Flash- und Festplattenrekorder im Feld und ersetzen somit R-DAT.

 

Das Phonogrammarchiv - Österreichs wissenschaftliches Videoarchiv

Im Zuge der Evaluation des Mittelfristigen Forschungsprogrammes 1996-2000 wurde die Empfehlung ausgesprochen, den Tätigkeitsbereich des Phonogrammarchives auf videographische Forschungsdokumente auszuweiten. Wie sich im Zuge einer sorgfältigen Bedarfserhebung und Machbarkeitsstudie (1998/99) zeigte, haben sich bei österreichischen Forschern und Institutionen im Lauf der Jahre rund 2100 Stunden an möglicherweise archivierenswertem Material (ungeschnittenes Rohmaterial) angesammelt, von dem etwa die Hälfte Eingang in das neue Videoarchiv finden sollte. Auf Empfehlung des Rates für Forschung und Technologieentwicklung wurden schließlich der ÖAW seitens des BMBWK Mittel zum Aufbau einer Videoabteilung zur Verfügung gestellt.

Der Adaptierung neuer Räumlichkeiten folgte die Beschaffung der wichtigsten Bandgeräte und der Einspielstation mit geeigneter Software und der Möglichkeit des Transfers auf das endgültige Speichermedium. Nach kritischer Austestung der Video-Workstation begann das Phonogrammarchiv im Sommer 2003 mit der linearen Videofile-Archivierung.

Sammlungsschwerpunkte

Sammlungsschwerpunkte seit den 1950er Jahren:

Österreichische Mundarten
insbesondere durch die Zusammenarbeit mit der "Wörterbuchkanzlei" (jetzt Institut für österreichische Dialekt- und Namenlexika) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Österreichische Volksmusik

Afrika (Musik, Sprachen, Kulturdokumentationen)

Roma Zentral- und (Süd-)Osteuropas sowie der Türkei
(Musik, Sprache, Kulturdokumentationen)

Afghanistan (vor den politischen Unruhen)

Tribale Kulturen des indischen Subkontinents

Tierlaute aus Amazonien, darunter die dort vertretenen lautgebenden Fische

Oraltraditionen in Spiti und Upper Kinnaur, Himachal Pradesh, Indien
in Verbindung mit dem Forschungsschwerpunkt des FWF "Cultural History of the Western Himalayas from the 10th to the 14th century" und dem FWF Projekt "Tradition and Modernity in Tibet and the Himalayas"
(Ton- und Videodokumentation)

Eigene Aufnahmeprojekte von Archivmitarbeitern

Systematische Erfassung der Sprache österreichischer Aussiedler (seit 1990):
Osteuropa (Rumänien, Ukraine) und Südamerika

Musik im österreichischen Alltagsleben
Projekte:
„Singen und Musizieren in Österreich“ (1978-1986)
„Der musizierende Mensch im ländlichen Raum“ (1986-1989)
„Dokumentation aktueller Tendenzen in der Volks- und Popularmusikpraxis in Österreich“ (seit 2008)

Systematische audio- und videographische Erfassung von mechanischen Musikinstrumenten
mit dem Schwerpunkt auf österreichischen Fabrikaten

Dokumentation ausgewählter kultureller Aktivitäten in Wien
(seit Mitte der 80er Jahre; seit 1996 auch videographische Dokumentation):
Musik verschiedener Volksgruppen
„Hauskonzerte“
„Jazzleben in Wien“
„Traditionelle Wienermusik“
„Musik der Religionen“
„Musik der jüdischen Gemeinde“
„Internationales Musikspektrum Wien“;
„Kulturelle Aktivitäten bucharischer und georgischer Juden“